Die goldene Uhr

Ich komme mehr oder weniger regelmäßig in den Genuss einer Schreibwerkstatt, die angeleitet wird und sich grob gesagt an die Bewohner meines Stadtviertels richtet, auch wenn ich auf einem anderen Weg dort gelandet bin.

Beim letzten Treffen war ein neuer Mitschreiber mit dabei, der im Endeffekt mehr aus mir raus kitzelte, als ich sonst schreibe. Man legte uns Postkarten vor und wir sollten dazu irgendwas schreiben. Und der Kollege schrieb und schrieb und schrieb. Ich hatte den ersten Text eigentlich schon fertig, begann dann aber mit einem zweiten Text.

Als Hintergrundinformation wäre anzumerken, dass mich das Schicksal jüdischer Mitbürger während des Holocausts sehr beschäftigt. Mich die Karte irgendwie sofort daran erinnerte? Allerdings hatte ich vorher das Buch Jakobs Mantel gelesen, welches mich mehr als sehr berührt hat.

Es dreht sich um diese Postkarte:

(Quelle: http://pascalhanrion.blogspot.de/2011/12/patrimonio-fotografico-willy-ronis.html)

Die goldene Uhr

Leise schlich Eva die Treppe hinunter. In ihren Ohrläppchen pieksten die süßen kleinen Ohrringe, die Frau Meier ihr zusammen mit der zarten goldenen Uhr gegeben hatte. „Damit Du nicht wie ein armes Kind wirkst!“, hatte Frau Meier ihr erklärt.

Frau Meier, die erst vor kurzem mit ihr nach Berlin gezogen war und die sie Mama nennen sollte. Die Kleidung mit dem Judenstern hatte Frau Meier schon kurz nach dem Eva zu ihr kam heimlich verbrannt.

Nun schlich sich Eva aus dem Haus, denn „Mama“ schlief noch und eilte im Dunklen zum Unterricht. Immer wieder erinnerte sich Eva dabei an den Unterricht, der ihr früher durch ihren Vater Isaak erteilt wurde. Ihr Vater, der immer wieder erklärt hat, wie wichtig es ist, dass man lernt. Was man im Kopf hat, kann einem keiner nehmen, sagte der Vater immer wieder. Zuletzt an dem Tag, an dem die SS die Wohnung aufbrach und ihren Vater mitnahm.

 

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